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Was mir durch den Kopf geht

Was mir durch den Kopf geht

Ich bin ein mittelmäßiger Perfektionist

Mein „Schaffensdrang“ – oder wie auch immer man das nennen möchte – treibt mich an und lähmt mich oft gleichermaßen. Häufig habe ich das Gefühl, dass viele Menschen (insbesondere in meinem nahen Umfeld) nicht verstehen können, warum ich so bin, wie ich bin. Ein Erklärungsversuch:

Ich muss etwas (er)schaffen…

Der beständige Schaffensdrang ist zweifellos ein Teil von mir. Ich kann nicht unterscheiden, ob ich einfach nur etwas schaffen möchte, im Sinne des erfolgreichen Gelingens, oder ob ich tatsächlich etwas im schöpferischen Sinn erschaffen will.
Dieser Drang ist der Antrieb in meinem Leben, die Ursache meiner Produktivität. Bin ich nicht produktiv, bin ich unruhig, missmutig und desorientiert.
Bin ich produktiv, bewerte ich das Ergebnis meines Wirkens grundsätzlich kritisch und fast ausschließlich negativ. Dabei ist das Gefühl des Versagens leitgebend, gepaart mit dem frustrierenden Gefühl, dass ich es hätte besser machen können.

Hätte ich es wirklich besser machen können, oder ist dieses Gefühl nichts weiter als fehlgeleitete Überheblichkeit? Vielleicht hätte ich es ja auch nicht besser machen können. Ich glaube, ich bin gefangen in einer Fantasiewelt, in der ich eines Tages mir selbst und allen anderen beweise, dass ich es eben doch besser machen kann.
Aber was, wenn ich es eben nicht besser machen kann?

…und ich kann nicht aufhören

Ich ertrage meine Mittelmäßigkeit nur schwer und mithilfe der leisen Stimme, die beständig flüstert: „Eines Tages wirst du deinen eigenen Ansprüchen gerecht werden.“
Ich versuche immer, die Ergebnisse meiner Produktivität als Übung anzusehen, wenn sie meinen Ansprüchen nicht genügen. Als eine Art Pflasterstein auf dem Weg zur Selbstzufriedenheit.
Selbstzufriedenheit wünsche ich mir zutiefst und sie bedeutet für zweierlei: Dass ich nicht nur mit mir selbst im Reinen bin, sondern auch (und vor allem) mit dem, was ich schaffe – oder erschaffe.
Davon bin ich meilenweit entfernt. Getrieben von meinem Drang spucke ich tourette-artig Dinge aus und hoffe, dass irgendwann endlich das Richtige dabei herauskommt. Vielleicht wird es nie passieren. Vielleicht spielt es auch keine Rolle. Aufhören kann ich nämlich nicht.

Was mir durch den Kopf geht

Ihr macht mehr kaputt, als Autos und Fensterscheiben!

Heute haben mich mehrere Menschen gefragt, ob bei uns alles okay ist und ob es uns gut geht. Der Grund dafür: Wir wohnen in Hamburg und die Ausschreitungen am Rande des G20 Gipfels nehmen immer heftigere Ausmaße an. Ich erinnere mich, dass ich zuletzt meine Freunde in Paris so etwas gefragt habe, nach den schrecklichen Terroranschlägen dort. Eigentlich wollte ich an diesem Wochenende einen Freund besuchen, aber ich habe mich nicht getraut, mit dem Auto loszufahren, weil mein Weg teilweise durch die Stadt geführt hätte.

Terroristen in meiner Stadt

Den ganzen Tag kreisen Helikopter über der Stadt. „Es ist ja nur dieses Wochenende“, denke ich mir. Aber es fühlt sich komisch an. Ungewohnt und vor allem angst einflößend. Ein Video zeigt, wie schwarz gekleidete Menschen durch ein Wohngebiet ziehen, Scheiben einschlagen und Autos in Brand setzen. Ein anderes Video zeigt einen Autofahrer, der an brennenden Mülltonnen und Autos vorbeifährt. Chaos auf den Straßen, niemand traut sich aus dem Haus, Polizei und Feuerwehr sind im Dauereinsatz und trotzdem völlig überfordert. Sie können nicht überall gleichzeitig sein.

Ja, es ist schockierend, dass so etwas heute in meiner Stadt passiert. Ich wohne nicht im Zentrum der Stadt, aber das ist Zufall – wir hätten damals ebenso gut in der Nähe der Stadtmitte eine Wohnung finden können, dann wären wir jetzt mittendrin in den Krawallen. Jetzt aber betrachte ich das Treiben mehr oder weniger von außen und über Augenzeugen-Videos. Ich sehe verwüstete Orte, an denen ich schon oft selbst gewesen bin. Und es ist so unfassbar ungerecht. Randalierende Menschen ziehen wie eine furchtbare Sturmflut durch die Stadt, hauen alles kaputt, zünden Autos von Anwohnern an. Es macht mich traurig, aber vor allem wütend. Was denken die denn, wer sie sind? In meinen Augen sind sie nichts weiter als Terroristen. Die Bösen in dieser Geschichte.

Demonstration versus Destruktion

Dabei ist Demonstrieren wichtig und gut. Heute in den Nachrichten berichteten alle über die Ausschreitungen, die Polizeieinsätze und die Brände. In einem kleinen, kurzen Halbsatz wurde erwähnt, dass es auch friedliche Demonstrationen gegen den G20 Gipfel gab. Man sieht dann etwa 2 Sekunden lang ein paar friedlich demonstrierende Menschen. Das war’s. Kein Interview über die Hintergründe der Demonstration. Nichts. Kein Demonstrant kommt zu Wort.

Laut Spiegel Online wurden bereits 149 Polizisten im Einsatz verletzt. Und die müssen da sein. Sie müssen sich den Demonstranten stellen. Was wäre denn die Alternative? Alle gewaltbereiten Demonstranten losziehen lassen. Sie einfach walten lassen? Sie noch mehr in Brand setzen lassen?

Würde man die Schwarzgekleideten fragen, hätten sie sicher einige nette, politische Parolen auf Lager, um ihre destruktiven Verhaltensweisen zu rechtfertigen. Mit ihnen über den Unsinn ihrer Taten zu diskutieren ergibt mit Sicherheit keinen Sinn. Eins weiß ich aber sicher: Am meisten schaden sie mit ihren Aktionen ihren friedlichen Mitdemonstranten. Niemand möchte etwas über „die Korruption der da oben“ hören, wenn sein Auto in Flammen steht. Niemand hat Verständnis für die lautstarken Erinnerung an Umweltschutzversprechen, wenn man seine Scheiben einschlägt.

Würde man in Zukunft das Demonstrieren bei derartigen Events verbieten: Ich würde es verstehen. Niemand möchte sehen, wie seine Stadt im Chaos versinkt – auch, wenn es „nur ein Wochenende“ ist.

Seid laut, seid mündig. Aber vergesst nicht: Mündigkeit hat etwas mit dem Mund zu tun. Mit sprechen, sagen, rufen – meinetwegen auch mit schreien. Werft Worte statt Steine und haltet flammende Reden, statt Autos in Brand zu setzen. Das ist der Widerstand, den wir brauchen.

Was mir durch den Kopf geht

Tut uns leid, Sie sind ein Risikofaktor

„Jetzt müsste ich Sie nur noch nach ungefährer Größe und ihrem aktuellen Gewicht fragen“. Und das war’s dann auch mit diesem freundlichen, informativen Telefongespräch. Ich hatte eine private Krankenkasse angerufen, um mich über eine private Versicherung zu informieren. Derzeit bin ich arbeitssuchend ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld. Normalerweise kann man sich dann über seinen Ehepartner mitversichern lassen, aber mein Mann ist nicht versichert, weil er Soldat ist. Ich bin die Ehefrau eines Soldaten der Bundeswehr.

Die „Beihilfe“ der Bundeswehr ist uns keine Hilfe

So fing die ganze Misere an. Bei der sozialen Beratungsstelle der Bundeswehr informierte man uns über die Möglichkeit einer Beihilfe durch die Bundeswehr. Eine Art Sonderlösung für Ehepartner von Bundeswehrangehörigen. Das Angebot: 70% der Arztkosten übernimmt die Bundeswehr, 30% eine private Versicherung. So weit, so gut. Also nur noch schnell eine private Versicherung suchen, die Teilversicherungen anbietet. Da gibt es ein paar zur Auswahl, eine hat sich sogar darauf spezialisiert. Leider hat die Sache einen Haken:

Private Versicherungen möchten nur junge, kerngesunde Leute versichern.

Heuschnupfen sei natürlich gar kein Problem, sagte der Mann am Telefon. Natürlich müsse man da aber einen Risikozuschlag berechnen. Ebenso bei kleineren Anomalien wie leichtem Übergewicht und so weiter. Anders sähe es aus bei chronischen Erkrankungen. Asthma zum Beispiel. Wiederkehrende Rückenbeschwerden, Depressionen, Knieprobleme, Aids oder – noch schlimmer – Krebs? Nein danke, sagt dann die private Krankenversicherung.

Wer nicht kerngesund ist und darüber hinaus voraussichtlich in Zukunft auch kerngesund bleibt, ist ein unzumutbarer Risikofaktor. Dann versichern sie einfach nicht. Denn sie müssen ja auch niemanden versichern. Dafür ist die gesetzliche Krankenversicherung da.

Ich bin ein Risikofaktor

Mein Übergewicht ist auch ein Ausschlusskriterium. Also bleibt mir nur noch die gesetzliche Krankenversicherung. Die muss mich nehmen – trotz Heuschnupfen und Übergewicht. Zum Glück! Allerdings bedeutet das in meinem Fall, dass ich ab sofort ohne jegliches Einkommen knapp 300 Euro abdrücken muss – oder genauer gesagt: Mein Mann muss das für mich tun. Hat man als verheiratete Person kein Einkommen, wird die Beitragshöhe anhand des Einkommens des Ehepartners berechnet.

Ja, mit diesem Problem bin ich ein Sonderfall. Und ja: Hoffentlich finde ich bald wieder einen Job. Aber mein Mann wird noch mindestens zwei Mal versetzt in den zwei nächsten Jahren und natürlich möchte ich ihn begleiten. Dass ich dadurch immer wieder eine neue Anstellung finden muss und daher auch zwangsläufig ein paar Monate arbeitslos sein werde, ist offensichtlich.

Dafür, dass ich meinen Mann begleiten und unterstützen möchte, werden wir ab sofort jeden Monat mit knapp 300 Euro bestraft. Das fühlt sich überhaupt nicht fair an. Mal ganz abgesehen von der Umstellung, die wir innerhalb weniger Monate durchlebt haben: Erst zwei volle Gehälter, dann eines plus Arbeitslosengeld. Und jetzt? Ein Gehalt minus meine Krankenversicherung.

Die Bundeswehr lässt mich, Ehefrau eines Soldaten, im Regen stehen.

Was mir durch den Kopf geht

Über befristete Verträge und unbefristeten Kaffee

Jede Woche verbringe ich etwa 11 Stunden in der Bahn. Eine gute Stunde hin, eine gute Stunde zurück – das ist mein Arbeitsweg. Ich verbringe also jährlich etwa 517 Stunden in Bus und Bahn. Zeit, die einfach so verpufft, unbezahlt. Knapp 1000 Euro kostet mich meine Monatskarte im Jahr. 1000 Euro aus eigener Tasche, denn der Arbeitgeber zahlt die Fahrkarte nicht. Ich könnte ja auch mit dem Fahrrad fahren (13km) oder näher an den Arbeitsplatz ziehen. Meine Schuld – mein Geld. Überhaupt muss der Arbeitgeber sich ja keine Umstände machen. Immerhin gibt er mir Arbeit und dafür sollte ich dankbar sein.

Befristete Verträge, dafür unbefristet Obst & Kaffee

Kinderbetreuung? Sparzuschüsse? Fortbildungen? Zusatzversicherungen? Fahrtkostenübernahme? Das ist ja total altmodisch und würde ja auch ein völlig falsches Bild vermitteln. Eines das sagt: Wir brauchen dich, schätzen dich und sehen ein Anstellungsverhältnis als Verhältnis gegenseitigen Respekts an. Vergiss all den Kram! In unserem modernen und innovativen Unternehmen erwarten dich flache Hierarchien und spannende Herausforderungen – außerdem gibt es bei uns kostenlos Obst und Kaffee. Nicht zu vergessen: befristete Verträge (wahlweise als Trainee oder Praktikant) und unbezahlte Überstunden.

13 Euro pro Stunde sind eine „utopische Traumvorstellung“

Als dann nach einem Jahr Praktikum und Trainee, nach zwei befristeten Verträgen, ein Stundenlohn von 13 Euro als „utopische Traumvorstellung“ abgeschmettert wird und stattdessen 10 Euro geboten werden, dämmert es mir so langsam: Das ist kein berufliches Vorspiel, kein Witz, keine Ausnahme. Das ist echt. Und dann bricht irgendwie alles langsam in sich zusammen, was man sich in Schule und Studium aufgebaut hat an Vorstellungen darüber, wie es sein wird, zu arbeiten, Karriere zu machen. Unweigerlich stelle ich mir dann die Frage: Was bin ich eigentlich wert?

Apropos Wert: Dass Arbeit bei uns in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat, steht außer Frage. Dein Studium endet und du hast noch keinen Arbeitsvertrag unterschrieben? „Oh, oh…“ Du lehnst Jobs ab, weil sie dir nicht gefallen? „Nimm die doch, bevor du arbeitslos bist!“ Du beziehst Hartz4? „Wie asozial von dir, du Schmarotzer!“

StellenWERT und WERTschätzung haben aber scheinbar schon lange nichts mehr miteinander zu tun. Ich soll also arbeiten – brav, fleißig und genügsam, damit ich meine Funktion als Rädchen im großen Wirtschaftsgetriebe erfülle?

Sorry, aber nö

Was nun? Nach Mindestlohn mit Steuerabzügen bleibt nicht mehr viel übrig. Schon gar nicht bei den hohen Lebenshaltungskosten in Hamburg, die beim Gehalt natürlich unbeachtet bleiben. Wenn man dann noch die psychischen und physischen Opfer bedenkt… und die ganze verlorene Zeit – warum überhaupt noch arbeiten?

Hat sie das jetzt wirklich gesagt, diese asoziale Zecke? Nicht mehr arbeiten?! Dem Staat auf der Tasche liegen?!

Ja, habe ich. Ich plane, dem Staat so lange auf der Tasche zu liegen, bis ich einen Job mit anständiger Bezahlung finde. Und ja, um ehrlich zu sein habe ich dabei ein schlechtes Gewissen. Aber genau deshalb muss ich es machen! Eben dieses schlechte Gewissen – der soziale Druck, wenn man keinen Job hat – sorgt doch dafür, dass sich kaum jemand traut, bei Unzufriedenheit zu kündigen. Es sorgt dafür, dass alle Arbeiterameisen weitermachen. Frustriert, deprimiert, übermüdet, unterbezahlt.

Das ist nicht fair, darum mache ich da jetzt nicht mehr mit.