Was mir durch den Kopf geht

Über befristete Verträge und unbefristeten Kaffee

Jede Woche verbringe ich etwa 11 Stunden in der Bahn. Eine gute Stunde hin, eine gute Stunde zurück – das ist mein Arbeitsweg. Ich verbringe also jährlich etwa 517 Stunden in Bus und Bahn. Zeit, die einfach so verpufft, unbezahlt. Knapp 1000 Euro kostet mich meine Monatskarte im Jahr. 1000 Euro aus eigener Tasche, denn der Arbeitgeber zahlt die Fahrkarte nicht. Ich könnte ja auch mit dem Fahrrad fahren (13km) oder näher an den Arbeitsplatz ziehen. Meine Schuld – mein Geld. Überhaupt muss der Arbeitgeber sich ja keine Umstände machen. Immerhin gibt er mir Arbeit und dafür sollte ich dankbar sein.

Befristete Verträge, dafür unbefristet Obst & Kaffee

Kinderbetreuung? Sparzuschüsse? Fortbildungen? Zusatzversicherungen? Fahrtkostenübernahme? Das ist ja total altmodisch und würde ja auch ein völlig falsches Bild vermitteln. Eines das sagt: Wir brauchen dich, schätzen dich und sehen ein Anstellungsverhältnis als Verhältnis gegenseitigen Respekts an. Vergiss all den Kram! In unserem modernen und innovativen Unternehmen erwarten dich flache Hierarchien und spannende Herausforderungen – außerdem gibt es bei uns kostenlos Obst und Kaffee. Nicht zu vergessen: befristete Verträge (wahlweise als Trainee oder Praktikant) und unbezahlte Überstunden.

13 Euro pro Stunde sind eine „utopische Traumvorstellung“

Als dann nach einem Jahr Praktikum und Trainee, nach zwei befristeten Verträgen, ein Stundenlohn von 13 Euro als „utopische Traumvorstellung“ abgeschmettert wird und stattdessen 10 Euro geboten werden, dämmert es mir so langsam: Das ist kein berufliches Vorspiel, kein Witz, keine Ausnahme. Das ist echt. Und dann bricht irgendwie alles langsam in sich zusammen, was man sich in Schule und Studium aufgebaut hat an Vorstellungen darüber, wie es sein wird, zu arbeiten, Karriere zu machen. Unweigerlich stelle ich mir dann die Frage: Was bin ich eigentlich wert?

Apropos Wert: Dass Arbeit bei uns in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat, steht außer Frage. Dein Studium endet und du hast noch keinen Arbeitsvertrag unterschrieben? „Oh, oh…“ Du lehnst Jobs ab, weil sie dir nicht gefallen? „Nimm die doch, bevor du arbeitslos bist!“ Du beziehst Hartz4? „Wie asozial von dir, du Schmarotzer!“

StellenWERT und WERTschätzung haben aber scheinbar schon lange nichts mehr miteinander zu tun. Ich soll also arbeiten – brav, fleißig und genügsam, damit ich meine Funktion als Rädchen im großen Wirtschaftsgetriebe erfülle?

Sorry, aber nö

Was nun? Nach Mindestlohn mit Steuerabzügen bleibt nicht mehr viel übrig. Schon gar nicht bei den hohen Lebenshaltungskosten in Hamburg, die beim Gehalt natürlich unbeachtet bleiben. Wenn man dann noch die psychischen und physischen Opfer bedenkt… und die ganze verlorene Zeit – warum überhaupt noch arbeiten?

Hat sie das jetzt wirklich gesagt, diese asoziale Zecke? Nicht mehr arbeiten?! Dem Staat auf der Tasche liegen?!

Ja, habe ich. Ich plane, dem Staat so lange auf der Tasche zu liegen, bis ich einen Job mit anständiger Bezahlung finde. Und ja, um ehrlich zu sein habe ich dabei ein schlechtes Gewissen. Aber genau deshalb muss ich es machen! Eben dieses schlechte Gewissen – der soziale Druck, wenn man keinen Job hat – sorgt doch dafür, dass sich kaum jemand traut, bei Unzufriedenheit zu kündigen. Es sorgt dafür, dass alle Arbeiterameisen weitermachen. Frustriert, deprimiert, übermüdet, unterbezahlt.

Das ist nicht fair, darum mache ich da jetzt nicht mehr mit.

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