Lyrik & Prosa

Wie durch Glas

Seine Schuhe sahen alt aus, abgetragen, als seien sie nie neu gewesen.
Ich konnte mich auch nicht daran erinnern, dass er je andere getragen hätte.
Er hatte seinen Satz beendet und wartete nun auf eine Antwort, die ich ihm nicht geben konnte, weil ich nicht wusste, was er gesagt hatte.
Zwar hatte ich ihn gesehen, seinen Mund, der Worte formte, und seine verlegenen Blicke, aber er stand hinter einer Glasscheibe, wie ein Präparat, das, ausgestopft im Regal, nie wieder zum Leben erwacht. Man stellt es in eine Vitrine und lässt es verstauben, es sei denn man holt es heraus, um es von Staub zu befreien und zu betrachten.
Ich hatte ihn nicht geholt. Präparate dürfen nicht wiederauferstehen, sollen nicht.
In diesem Moment wünschte ich, eine Wand wäre zwischen uns. Eine große, hohe, dicke, unüberwindbare Wand. Aber er war immernoch da, sah mich an, erwartungsvoll.

Eigentlich war es auch egal, was er gesagt hatte. Vielleicht war es nur ein „Hey, darf ich reinkommen?“ oder ein unverbindliches „Hallo, wie geht es dir?“. Nein, er würde nicht sagen „Wie geht es dir?“. Das klang zu ehrlich. Eher „Wie geht’s denn so?“.
Vielleicht hatte er auch gesagt: „Also es tut mir leid.“.
Es machte keinen Unterschied. Worte hatten an diesem Tag keinen Wert, waren hohl und fade und ich wusste, dass jedes meiner Worte im Mund wie Asche schmecken würde. Wie die Asche eines längst verloschenen Feuers.

Seine Augen hielt er nun gesenkt, ertrug blass die folternde Stille.
Meine Blicke glitten erneut an ihm herab. Die Schuhe.
Wo warst du?, habe ich geschrieen. Aber meine Lippen blieben verschlossen.

Es dämmerte schon und es war kalt, kälter als am Tag zuvor.
Ein leichter Wind ging durch seine Haare, ließ mich aber unberührt. Ich stand in der Tür, er draußen.
Meine Tränen wurden kalt, bevor sie sich am Kinn sammelten und dann schwer auf meine Brust hinabtropften und mir war es, als würden sie auf meinem Herzen gefrieren.
Es war ein stummes, ehrliches Weinen. Eines, dass man nicht will, ohne Motive, ohne Wut und ohne hässliche Geräusche. Eines, das immer da ist. Das nur dann ausbricht, wenn es seiner Ursache gegenübersteht.

Er sah nun nicht mehr auf den Boden, sondern in mein Gesicht, auf meine Tränen.
Seine Augen waren groß, er war wie ein greises Kind. Unglaublich verbraucht und hilflos, weit gereist und auf der Suche nach Heimat.
Ich hatte einst das Meer gesehen, wo heute ein Moor lag, den Himmel, wo heute der Nebel kroch. Waren das seine Augen? War das er?
Doch! Dahinter musste doch noch immer ein Sturm ruhen, der das Moor wieder in ein Meer und den Nebel in einen blauen Himmel verwandeln konnte.

Der Wind hatte sich gelegt, Dunkelheit drang vor. Meine Tränen versiegten.
Der fahle Geschmack, der meinen Hals hinaufstieg, ließ sich nicht mehr herunterschlucken.
Ich trat einen halben Schritt zur Seite. Mir war, als müsste ich keuchen, nach Luft schnappen.
Endlich öffnete ich meinen Mund, langsam, und spie Asche aus:
„Bitte, komm doch rein.“ Feuchte, kalte Asche.

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